Grupo Manifiesto Historia a Debate
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Manifiest von Historia a Debate |
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Nach
acht Jahren Kontakten, Reflexionen und Diskussionen, durch Kongresse,
Umfragen und schliesslich im Internet, scheint es uns vordringlich,
unsere Position im kritischen Dialog mit anderen historiographischen
Richtungen, die sich gleicherweise im letzten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts entwickelt haben, darzulegen und zu aktualisieren: (1)
der Kontinuismus der sechziger und siebziger Jahre, (2) der
Postmodernismus und (3) die Rückkehr zur traditionellen Geschichte
als letzte “Neuigkeit” der Historiographie. Wir erleben einen historischen und historiographischen Übergang, dessen Resultate noch unbestimmt sind. Historia a Debate möchte als historiographische Tendenz zur Konfiguration eines gemeinsamen und pluralen Paradigmas der Historiker des 21. Jahrhunderts beitragen, das der Geschichte und der Geschichtsschreibung einen neuen Frühling sichert. Dazu haben wir 18 Vorschläge – methodologische, historiographische und epistemologische – ausgearbeitet, die wir den Historikerinnen und Historikern der gesamten Welt zur Diskussion stellen, gegebenenfalls zum kritischen Beitritt und in der Folge zur Weiterentwicklung präsentieren. METHODOLOGIE I Weder
die objektivistische Geschichte Rankes noch die subjektivistische
postmoderne Geschichte: eine Wissenschaft mit dem Menschen als
Subjekt, die die Vergangenheit entdeckt so wie er sie konstruiert. Die
Berücksichtigung der beiden Subjektivitäten, die in unseren
Erkenntnisprozess einfliessen, nämlich die wirkenden Kräfte der
Geschichte und die Historiker, ist die beste Garantie der Objektivität
ihrer Resultate, notwendigerweise relativ und plural, also rigoros. Der
Zeitpunkt der Aktualisierung des wissenschaftlichen Konzeptes der
Geschichte ist gekommen, insofern als diese vom naiven Objektivismus,
dem Erbe des Positivismus des 19. Jahrhunderts, abgeht ohne in den
radikalen Subjektivismus zu verfallen, der durch die postmoderne
Richtung des ausgehenden 20. Jahrhunderts auferstanden ist. Die
zunehmende Wechselwirkung zwischen den “beiden Kulturen”, der
wissenschaftlichen und der humanistischen, erleichtert im
beginnenden Jahrhundert die zweifache von uns benötigte
Neudefinition der Geschichte als Sozialwissenschaft und als Teil der
humanistischen Bildung. II
Wir
sind für eine neue wissenschaftliche Gelehrsamkeit, die das Konzept
der historischen Quelle auf die ausserhalb des Staates sich
befindenden Dokumente, auf nicht schriftliche Reste materieller, mündlicher
und ikonographischer Art, auf die Nicht-Quellen ausdehnt: Schweigen,
Irrtümer und Lücken, die die Historikerin und der Historiker zu
bewerten hat, wie sie/er auch die Objektivität in der Pluralität
der Quellen anzustreben hat. Eine
neue wissenschaftliche Gelehrsamkeit, die sich mit Bestimmtheit auf
die Erkenntnis stützt, deren Grundlage nicht in den Quellen liegt,
die der Forscher beibringt. Eine
neue wissenschaftliche Gelehrsamkeit, die über die erneuernde
Historiographie der sechziger und siebziger Jahre hinausgeht und die
neue Beziehung zu den Quellen einbezieht, die die Frauengeschichte,
die mündliche Geschichte, die ökologische Geschichte, die
Weltgeschichte beigesteuert haben wie auch andere neue Richtungen,
die in den achtziger und neunziger Jahren entstanden sind und sich
weiterentwickelt haben, wie die “Neue Historiographie”, die nun
im Internet im Entstehen begriffen ist und an der wir teilhaben. Eine
neue wissenschaftliche Gelehrsamkeit, die, im Bewusstsein, dass
nicht durch die notwendige empirische Arbeit sondern durch die
Historikergemeinschaften über die historische Wahrheit entschieden
wird, Diskussion und Konsens in den kollektiven Bereichen entwickelt. Eine
neue Gelehrsamleit also, die uns die Überwindung der "positivistischen
Wende" wie auch der konservativen gestattet, zu der uns zuletzt
die Krise der bedeutenden historiographischen Richtungen des
vergangenen Jahrhunderts führte und die unsere Disziplin in das 19.
Jahrhundert zurückzuführen drohte. III
Ein
neues Paradigma ist notwenig, durch welches das akademische und
soziale Prestige der Innovation in den Methoden und Themen, in den
Fragestellungen und Antworten, insgesamt also die Originalität der
historischen Forschungen wiedererlangt wird. Eine neue
Historiographie, die den Blick nach vorwärts richtet und der Tätigkeit
des Historikers die Begeisterung für Wiedererneuerung und die
historiographischen Kompromisse zurückgibt. Neue
Forschungsrichtungen werden sich herausbilden, so wir selbst
nachdenken: indem wir überlegen, dass uns nichts Geschichtliche
fremd ist; indem wir durch Methodenmischung und Methodenwandel,
Mischung und Wandel von Gattungen voranschreiten; indem wir die
alten Schläuche mit neuem Wein füllen, von der Bibliographie bis
zur Mikrogeschichte; indem wir den wissenschaftlichen, kulturellen,
sozialen und politischen Notwendigkeiten einer Gesellschaft, die
einem tiefgreifenden Wandel unterworfen ist, unsere Aufmerksamkeit
schenken. Die Geschichtsschreibung des 21. Jahrhundert benötigt die Illusion und die Realität autentischer innovativer Problemstellungen, wenn sie nicht wie Lots Weib zur Salzsäule erstarren möchte. IV
Die
von uns vorgeschlagene neue Historiographie muss die
Interdisziplinarität der Geschichte, allerdings in ausgewogener
Form, steigern: nach Innen in der weiten und unterschiedlichen
Gemeinschaft der Historiker, indem sie die Einheit der Geschichte
als Disziplin und Beruf verstärkt; nach aussen, indem sie die das
Feld der Allianzen diesseits und jenseits der Sozialwissenschaften
ausdehnt. Es
ist notwendig, Brücken zu schlagen, die die weite Inselgruppe, in
die sich unsere Disziplin in den letzten Jahrzehnten verwandelt hat,
untereinander verbindet. Gleichzeitig muss die Geschichte Methoden,
Techniken und Schwerpunkte austauschen, mit den
Sozialwissenschaften, aber auch mit der Literatur, der Philosophie
(der Geschichtsphilosophie und der Wissenschaftsphilosophie vor
allem) auf der Seite der Geisteswissenschaften, und mit den
Naturwissenschaften. Dies ohne auf die aufstrebenden Disziplinen zu
vergessen, die sich mit den neuen Technologien beschäftigen und die
durch sie bedingte verändernde Wirkung in Gesellschaft, Kultur,
Politik und Kommikation. Auf
Grund der gemachten Erfahrungen sollen unserer Ansicht nach drei
Wege zur Bereicherung der Geschichte durch die Interdisziplinarität
nicht beschritten werden: 1) das Verfolgen einer nicht
realisierbaren „vereinheitlichten Sozialgeschichte“im Umkreise
einer jeden anderen Disziplin, ohne Beeinträchtigung der grösstmöglichen
interdisziplinären individuellen oder kollektiven Fortentwicklung;
2) der Dialog Geschichte-Sozialwissenschaften als Wundermittel in
der „Krise der Geschichte“, was wir als Paradigmenwechsel
verstehen; 3) Auflösung der Geschichte in die eine oder andere
erfolgversprechende Disziplin, wie dies heute im Hinblick auf die
Literatur die extremen Vertreter der narrativen Richtung vorschlagen. V Das
Scheitern der „totalen Geschichte“ der sechziger und siebziger
Jahre öffnete eine blitzartig sich entwickelnde Zersplitterung in
Themen, Methoden und Schulen, begleitet von einem Anwachsen und
einem Chaos epistemologischer Art, was in den neunziger Jahren
anzuhalten schien. In zunehmendem Maß nimmt dies in einer
zukunftsbezogenen Welt, deren Grundlagen Vernetzung sowie globale
Kommunikation sind, anachronistische Züge an. Unsere
Alternative ist das Fortschreiten in der historiographischen Praxis
zu neuen Formen der Globalität, die die historische Forschung sich
vereinigen lässt, indem sie Räume, Gattungen und Ebenen der
Analyse durchmisst. Um eine integrale Geschichte zu ermöglichen, müssen Forschungsinitiativen erprobt werden, die das Globale zum Ausgangspunkt nehmen und nauffassenicht als „utopischen Horizont“ : betreffend Quellen und Themen gemischte Studienlinien; Kombination von qualitativen und quantitativen Fragestellungen; die Artikulation von Temporalitäten (die Gegenwart und Zukunft einbeziehen) und verschiedene Maßstäbe; die Untersuchung der Globalität durch Konzepte und Methoden, auch wenn sie dies nur möglicherweise tun, wie Mentalität und Zivilisation, Gesellschaft, gesellschaftliches Netz und gesellschaftliche Veränderung, Narration und Vergleich, und die Kreierung anderer neuer; die Erforschung der Weltgeschichte als eine neue Front der globalen Geschichte; Ausnutzung der neuen Technologien zur Ausarbeitung gleichzeitig mit dem Geschriebenen, den Tonträgern und den Bildern, Forschung und Divulgation verbindend; Anregung von Reflexion und Diskussion, von Methodologie und Historiographie als gemeinsames Gebiet aller historischen Richtungen und Kontaktstelle zu anderen Disziplinen. GESCHICHTSSCHREIBUNG VI Im
Bewusstsein, dass das Subjekt die Ergebnisse der Forschung
beeinflusst, stellt sich die Notwendigkeit der Hinterfragung des
Historikers selbst um der Objektivität der Geschichte willen. Wie
soll dies geschehen. Indem die Individuen in Gruppen, Schulen und
historiographische Tendenzen, implizite und explizite, eingeteilt
werden, die, ob man will oder nicht, die innere Entwicklung der
geschriebenen Geschichte bestimmen. Indem die HistorikerInnen unter
dem Gesichtspunkt ihrer Tätigkeit und nicht nur ihrer Aussagen
studiert werden; ihrer Produktion und nicht nur ihres Diskurses.
Indem, mit Abstufungen, drei Schlüsselkonzepte der Geschichte der
postpositivistischen Wissenschaft angewendet werden; das
„Paradigma“ als Bündel gemeinsamer Werte; die
„wissenschaftliche Revolution“ als Unterbrechung und Kontinuität
der Disziplin; die „Gemeinschaft der Spezialisten“ wegen ihres
Entscheidungspotentiales, die wiederum durch das soziale, geistige
und politische Umfeld bestimmt ist. Indem schließlich eine
immediate Historiographie praktiziert wird, die den historischen
Ereignissen vorauszugehen versucht, die in die historiographischen
Veränderungen einwirken, die wir erleben. VII
Das
Versiegen der nationalen Brunnen der Erneuerung des 20. Jahrhundert
hat den Weg für eine nie dagewesene historiographische
Dezentralisierung frei gemacht, die durch die Globalisierung der
Information wie auch durch das akademische Wissen Impulse empfing
und den alten Eurozentrismus überwindet. Die historiographische
Initiative befindet sich heute in der Reichweite von allen. Dies
beweisen etwa der Aufstieg einer kritischen
Latino-Geschichtsschreibung und der postkolonialen
Geschichtsschreibung. Die nationenübergreifenden Gemeischaften der
Historiker, organisiert im Internet, spielen bei der Herausbildung
von neuen Konsensen bereits eine entscheidende Rolle, zum Nachteil
des vorherigen Systems der Abhängigkeit von einer Reihe von
nationalen Historiographien von anderen und von elitistischen,
hierarchischen und schwerfälligen Formen des Austausches. Wir
verstehen die Globalisation der Historiographie nicht als einen
Prozess der Uniformierung, wir denken über Geschichte und beschäftigen
uns mit der Geschichte - wie auch der Geschichte der Geschichte -,
als Lehrer und Forscher in verschiedenen übereinander liegenden und
untereinander verbundenen Bereichen: lokal, regional, national,
kontinental und international/global. VIII In Übereinstimmung mit den in Dekadenz geratenden kollektiven Projekten des 20. Jahrhunderts, die allerdings noch nicht durch ein neues und gemeinsames Paradigma abgelöst worden sind, wuchs in übertriebenem Maß der Einfluss der Verlage, der großen Kommunikationsmedien und der politischen Institutionen auf das Schreiben der Geschichte, bei der Auswahl der Themen und Methoden, bei der Formulierung von Hypothesen und Schlüssen, mit der jedesmal offensichtlicheren Absicht, die alte Geschichte der „großen Figuren“ gefördert wurde. Wiedererlangen der kritischen Autonomie der HistorikerInnen bezüglich der existierenden Kräfte, um das von der historischen Forschung von uns geforderte „Wie“, das „Was“ und das „Warum“ zu entscheiden: die Rekonstruktion von Tendenzen, Verbindungen und Gemeinschaften, bei denen es um historiographischen Projekten geht, über die konventionellen akademischen Bereiche hinausgehend: die Verwendung von Internet als demokratisches und alternatives Medium der Kommunikation, Publikation und Verbreitung der Vorschläge und Forschungen; die Beobachtung der Entwicklung der unmittelbaren Geschichte ohne in eine alleinige Gegenwärtigkeit zu verfallen, um die historiographischen Notwendigkeiten zu erfassen, die gegenwärtigen und die zukünftigen, der zivilen lokalen und globalen Gesellschaft.
Der
schädlichste Weg, um die eigene historiographische –
normalerweise konservative - Richtung
durchzusetzen, besteht in der Leugnung der Tatsache, dass
historiographische Tendenzen existieren. Der imaginäre
Individualist, die akademischen Zirkel und die nationalen Grenzen
verbergen das Gemeinsame, oftmals ohne es zu wissen oder ohne es
auszudrücken: auf Grund der Ausbildung, der Lektüre, Filiationen
und Verhaltensweisen. Wir sind demzufolge dafür, wirkende
Tendenzen, mehr oder weniger latent und organisiert, aufzuzeigen, um
Positionen zu klären, Diskussionen einzugrenzen und Konsense zu
erleichtern. Eine akademische Disziplin ohne Tendenzen, Streitgespräch
und Autoreflexion ist Subjekt für ausserakademische Pressionen, die
sich oftmals negativ auf ihre Entwicklung auswirken. Der bewusste
historiographische Kompromiss macht uns also gegenüber Dritten
frei, durchbricht die persönliche, korporative und lokale
Isolierung, begünstigt die öffentliche Anerkennung sowie den
wissenschaftlichen und sozialen Nutzen unserer beruflichen Arbeit. X Wie
opponieren dagegen, dass mit der Geschichte und der
Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts tabula rasa gemacht wird.
Die rezente Rückkehr der Geschichte des 19. Jahrhunderts macht
deutlich, dass es nützlich und angebracht ist, sich an die Kritik
von Seiten der Annales, des Marxismus und des Neopositivismus zu
erinnern, wiewohl man gerechterweise auch anerkennen muss, dass die
besagte „große Rückkehr“ das teilweise Scheitern der
historiographischen Revolution des 20. Jahrhunderts offensichtlich
macht, in der die genannten Tendenzen Protagonisten waren. Das
unabdingbare Gleichgewicht, Kritik und Selbstkritik der
historiographischen Avantguarden annulliert in der Folge nicht die
Aktualität der Erbschaften als notwendige Traditionen für die
Konstruktionen des neuen Paradigmas. Denn sie symbolisieren den
„Geist der Schule“ und die historiographische Militanz wie auch
das Exempel einer für das Neue und den sozialen Kompromiss offenen
professionellen Geschichte, wesentliche Züge, die wir nun
wiedergewinnen sollten innerhalb eines anderen akademischen
Kontextes, sozial und politisch sowie mit Kommunikationsmedien, die
weit über denen der sechziger und siebziger Jahre des bereits
vergangenen Jahrhunderts liegen. XI
Die neuen Technologien revolutionieren
den Zugang zur Bibliographie und zu den Geschichtsquellen; sie überwinden
für die Forschung die Grenzen des Papiers und der Veröffentlichung;
sie ermöglichen neue globale Historikergemeinschaften. Das Internet
ist ein mächtiges Arbeitsinstrument gegen die Fragmentierung des
historischen Wissens,wenn es in Übereinstimmung mit seiner Identität
und seiner Möglichkeiten genutzt wird, das heisst, als eine
interaktive Form der Übermittlung von sofortiger Information in
horizontaler Form an einen grossen Teil der Welt
Unserer Ansicht nach muss die digitale Geschichtsschreibung
weiterhin durch Bücher und die übrigen Formen konventioneller
Forschung, der Verbreitung und des akademischen Austausches - und
umgekehr - vervollständigt werden. Dieses neue Paradigma sozialer
Kommunikation wird in Konsequenz nicht die existierenden Aktivitäten
und säkularen Institutionen ersetzen, wird aber zunehmend Teil des
akademischen und sozialen-reellen Lebens sein.
Die Generalisierung des Internet im akademischen Bereich,
sowie in der gesamten Gesellsschaft, wie auch die Ausbildung der Jüngsten
in Informatik werden diese neue Historiographie als relevanten
Faktor des unabgeschlossenen paradigmatischen Überganges zwischen
den 20. und dem 21. Jahrhundert aufzwingen. XII
Im zweiten Jahrzehnt dieses
Jahrhunderts wird ein bedeutender Generationswechsel im Bereich von
Lehre und Forschung stattfinden, verursacht durch die Pensionierung
der nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen. Bedeutet dieser
demographische Übergang die Konsolidierung eines fortgeschrittenen
Wandels von Paradigmen?
Die Generation von 68 war eher eine Ausnahme. Unter den
heutigen Universitätsstudenten beobachten wir eine ähnliche
historiographische und ideologische Vielfalt wie im Rest des
akademischen und gesellschaftlichen Bereiches. Man stösst auf ältere
HistorikerInnen, die weiterhin Erneuerer sind, und auf Junge, die
betreffend Tätigkeit des Historikers und seines Verhältnisses zur
Gesellschaft Konzepten des 19. Jahrhunderts folgen. Unsere
Verantwortung als Ausbilder der Studierenden, die morgen akademische
Lehrer und Forscher sind, ist dementsprechend gross. Noch nie war es
so entscheidend, die Geschichtslehre mit weiterentwickelten
Perspektiven - auch durch ihre Selbstkritik - fortzuführen, von der
Grund- und Oberschule bis zu den Postgraduate-Kursen. Die zukünftige
Geschichte wird durch die Erziehung bestimmt sein, die die zukünftigen
Historiker - unsere Schüler - hier und jetzt erhalten. XIII Für
den Historiker ist die Überlegung des Themas, der Quellen und der
Methoden essentiell, die Fragen und die Antworten, das soziale
Interesse und die theorethischen Implikationen, die Schlüsse und
die Konsequenzen einer Forschung. Wir
sind gegen eine "Arbeitsteilung", nach der die Geschichte
die Daten zur Verfügung stellt und andere Disziplinen zu diesen Überlegungen
anstellen (oder Abhandlungen mit weiter Verbreitung schreiben). Die
professionellen Historikergemeinschaften müssen ihre intelektuelle
Verantwortung übernehmen, indem sie versuchen, den Zyklus der
historischen Studien zu vollenden, von der Archivarbeit bis zur
Bewertung und dem Anspruch ihrer Wirkung in den Sozial- und
Humanwissenschaften, in der Gesellschaft und in der Politik. Das
Aneignen von methodologischen, historiographischen,
geschichtsphilosophischen Kenntnissen und aus anderen auf
theoretischer Grundlage aufbauender Disziplinen durch die Studenten
der Geschichte an der Universität ist der Weg, um die zukünftige
Kreativität der historischen Forschungen anzuheben, das Hervorheben
des Stellenwertes der Geschichte im wissenschaftlichen und
kulturellen System sowie die Förderung neuer und qualitätvoller
historiographischer Berufungen. Unser
Ziel ist, dass der denkende Historiker empirische Arbeit leistet und
der konkrete Daten erforschende Historiker mit einigermassen
Tiefgang reflektiert, was er macht, um auf diese Weise die fatale
Kluft einer (positivistischen) Praxis ohne Theorie und einer
(spekulativen) Theorie ohne Praxis zu beseitigen. Eine grössere
Einheit zwischen Theorie und Praxis wird zudem eine grössere Kohärenz
von Historikerinnen und Historikern ermöglichen, individuell und im
Kollektiv, zwischen dem was gesagt wird, historiographisch, und dem
was gemacht wird, empirisch. XIV Durch
den raschen historischen Wandel des letzten Jahrzehntes wurde die
Diskussion über das "Ende der Geschichte" durch die
Diskussion über die "Enden der Geschichte" abgelöst. Indem
wir davon ausgehen, dass die Geschichte keine vorgeformten
Zielpunkte ansteuert und dass 1989 eine tiefgreifende historische
Wende stattgefunden hat, ist zu fragen, dies auch vom Standpunkt der
akademischen Geschichte aus, wer dies anführt, für welche
Interessen und worin die Alternativen bestehen. Die
Zukunft ist offen. In der Verantwortung der HistorikerInnen liegt es
beizutragen, dass die Subjekte der Geschichte zukünftige Welten
konstruieren, die allen Männern und Frauen aller Rassen und
Nationen ein freies und friedliches, erfülltes und kreatives Leben
garantieren. Die
Historikergemeinschaften haben also zur Konstruktion einer
"neuen Aufklärung" ihren Beitrag zu leisten, die, aus der
Erfahrung der Irrtümer der Geschichte und der Philosophie,
theoretisch den Sinn des Fortschritts überlegt, den die
Gesellschaft heute fordert, und den grossen Mehrheiten des Nordens
und des Südens, des Ostens und des Westens in den menschlichen und
ökologischen Genuss der revolutionären Fortschritte der Medizin,
der Biologie, der Technologie und der Kommunikation zusichert. XV Der
erste politische Kompromiss der Historiker sollte vor der
Gesellschaft und den Regierenden die Rückforderung der ethischen
Funktion der Geschichte, der Geistesgeschichte und der
Sozialwissenschaften in der Erziehung der Bürger und bei der
Herausbildung des kollektiven Bewusstseins sein. Die
professionelle Geschichtsforschung hat jenen provinziellen und
neuliberalen Konzepten entgegenzutreten, die immer noch Technik und
Kultur konfrontieren, Ökonomie und Gesellschaft, Gegenwart und
Vergangenheit, Vergangenheit und Zukunft. Die
offenkundigsten Auswirkungen der politischen Massnahmen der sozialen
Abwertung der Geschichte sind der Mangel an Berufssaussichten, der Rückgang
der Entscheidungen für den Beruf und die Hindernisse für eine
generationelle Kontinuität. Wir müssen als
Historikergemeinschaften die Berufssorgen der jungen Menschen, die
Geschichte studieren und Historiker werden wollen, als unsere
eigenen akzeptieren, indem wir bei der Suche nach Lösungen
mitwirken, die über die Aufwertung der Beschäftigung des
Historikers und seiner Arbeits- und Lebensbedingungen führen, im
Rahmen der Verteidigung und Entwicklung der öffentlichen Funktion
der Erziehung, der Universität und der Forschung. XVI
In
Zeiten paradoxer "Rückkehren" wollen wir die"Wende
zum Kompromiss" zahlreicher Akademiker, auch Historiker, in den
verschiedenen Teilen der Erde mit den sozialen und politischen
Anliegen, verbunden mit der Verteidigung der universalen Werte von
Erziehung und Gesundheit, Recht und Gleichheit, Frieden und
Demokratie konstatieren und dazu ermuntern. Solidarische
Verhaltensweisen, unabdingbar, um andere akademische Kompromisse mit
den grossen ökonomischen und politischen, medialen und editorialen
Machtträgern zu bannen. Ein vitales Gegengewicht also, um eine
virtuelle Trennung der akademischen Geschichtsschreibung von den
sozialen Mehrheiten zu verhindern, die mit ihren Abgaben unsere Tätigkeit
als Lehrende und Forscher finanzieren. Der
neue Kompromiss, den wir befürworten, ist verschieden, kritisch und
auf die Zukunft hoffend. Die HistorikerInnen haben vom Standpunkt
ihrer Wahrheit aus jene Mythen zu bekämpfen, die die Geschichte
manipulieren und Rassismus sowie Intoleranz fördern wie auch die
Ausbeutung von Klasse, Geschlecht und Ethnie. Aus der Kenntnis der
Vergangenheit unerwünschten zukünftigen Situationen Widerstand
leistend. In Zusammenarbeit und Wettstreit mit anderen Sozial- und
Geisteswissenschaftlern bei der Errichtung historisch gesehen
besserer Welten, als Spezialisten der Geschichte aber auch als
Staatsbürger. Die
Beziehung des Historikers mit der uns umgebenden Realität geht
durch ihre Analyse in einem kontinuierlichen zeitlichen Kontext.
Wenn man akzeptiert, dass die Objektivität der
Geschichtswissenschaft untrennbar von der (pluralen) Subjektivität
des Historikers ist, so müssen wir den Schluss ziehen, dass keine
mehr gegenwärtige Geschichte und keine mehr ältere Geschichte
existiert. Alles ist Geschichte, wenn auch mit der Entfernung die
Last des Historikers aus Mangel an gegegwartsbezogenen Disziplinen
schwerer wird. XVII Unser
Studienobjekt (Männer, Frauen und humanisierte Natur) gehört
offensichtlich der Vergangenheit an, während wir uns in der
Gegenwart befinden, und dieses Gegenwärtige ist durchtränkt von
Zukünftigem. Der Historiker kann streng genommen die Geschichte
nicht am Rande der gelebten Zeit und ihrem permanenten Fliessen
schreiben. Wir
stellen verschiedene Ebenen bei der Beziehung des Historikers mit
der unmittelbaren Geschichte fest: der soziale und politische
Kompromiss, Thema der Forschung, Geschichtsschreibung der
Intervention oder allgemeines methodologisches Kriterium für die
Forschung. Vor einem halben Jahrhundert formulierten die Gründer
der Schule der Annales es auf folgende Weise: "verstehen der
Vergangenheit für die Gegenwart, verstehen der Gegenwart für die
Vergangenheit". Heute geht es ausserdem darum, die gleiche
Begeisterung auf die Wechselbeziehung Vergangenheit/Zukunft su legen. XVIII Die
Geschichtsschreibung hängt von den Historikern und der
unmittelbaren Geschichte ab. Der Wechsel der historiographischen
Paradigmen, die wir seit 1993 vorschlagen, wird von den raschen
geschichtlichen Wechseln getragen, die 1989 ihren Anfang nahmen.
Zwischen 1999 (Seattle) und Juli 2001 (Genua) waren wir Zeugen der
Anfänge einer globalen Bewegung ohne Vorläufer, die sich gegen die
schweren Schäden der Globalisierung richtet und gesellschaftliche
Alternativen sucht: das Einheitsdenken ist jetzt weniger
einheitlich. Viele stufen die Globalisation und ihre Kritiker, die
neue wissenschaftlich-technologische Revolution und die globale
Sozialbewegung als Zivilisationswechsel ein: es ist nicht leicht
abzuschätzen, was uns das Morgen bringen wird, aber es existieren
Gründe zur Hoffnung. Wir müssen alle mitarbeiten. Historia
a Debate ist aktiver Teil dieses Wandlungsprozesses: wir wollen die
Geschichte, die Geschrieben wird, verändern und zum Wandel der
Geschichte des Menschen beitragen. Je nachdem, wie sich die
historiographische Diskussion und die unmittelbarste Geschichte
entwickelt, werden unsere Vorschläge mehr oder weniger akademische
Zustimmung erhalten, wir verändern sie oder nicht dem Interesse
folgend, wenn es auch Themenstellungen gibt, die, obgleich im
Augenblick minoritär, uns bei der kritischen Bestimmung des im
Entstehen begriffenen neuen Paradigmas unausweichlich scheinen: der
plurale Verband der Werte und Überzeugungen, die unsere Tätigkeit
als Historiker im neuen Jahrhundert bestimmen wird. Für all das, so
hoffen wir, wird uns die Geschichte ihre Absolution erteilen. Im
Netz am 11 de setiembre de 2001 Übersetzung:
Dr. Karl Rudolf
Initial Composition of the Group
that has drawn up the text along with a first listing of adherents Yes, I wish to collaborate in the promotion and development of the Manifesto Yes, I wish to express my opinion on the context of the Manifesto Further information at Manifiest Group
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